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Exenatide einmal wöchentlich statt zweimal täglich

(09.12.2008) Patienten, denen eine Blutzuckerkontrolle mit oralen antidiabetische Therapien nicht mehr möglich ist, spritzen mehrmals täglich Insulin. Jedoch besteht immer noch Angst vor Unterzuckerungen und Gewichtszunahme durch die Insulin-Injektionen. Der neue Wirkstoff Exenatide ist daher ein neuer Stern am Typ 2 Diabetes-Himmel. Bisher muss er 2-mal täglich gespritzt werden. Forscher aus Kanada und den USA haben nun in einer mehrwöchigen Studie das bisherige Exenatide mit einem langwirksamen Exenatide (wir berichteten), das nur 1-mal wöchentlich injiziert werden muss, verglichen und sind zu einem vielversprechenden Ergebnis gekommen.


Krustenechse

Das zufällig im Speichel der nordamerikanischen Krustenechse entdeckte Hormon Exendin-4 führte zur Entwicklung eines neuartigen Antidiabetikums

Exenatide ist ein Inkretin-Mimetikum oder auch GLP-1-Analogon, d. h., es hat eine ähnliche Struktur wie das menschliche, körpereigene Hormon GLP-1 und damit auch eine ähnliche Wirkung (wir berichteten). GLP-1 steigert die Insulin-Ausschüttung und hemmt den Insulin-Gegenspieler Glukagon. Jedoch wird das menschliche GLP-1 schnell wieder abgebaut, so dass es nur eine kurze Wirkung zeigt. Anders ist es mit dem Wirkstoff Exenatide, der aus dem Speichel der nordamerikanischen Gila-Krustenechse gewonnen wird. Exenatide hat die gleiche Wirkung wie GLP-1, wird jedoch durch seine veränderte Struktur nicht so schnell abgebaut und hat damit eine längere Wirkung. Es ist so eine verbesserte Kontrolle des Blutzuckers möglich, die zusätzlich noch zu einer Gewichtsabnahme führen kann.

Seit der Zulassung des Wirkstoffs Exenatide im April 2005 in den USA und im April 2007 in Deutschland, wird Exenatide als 2-mal tägliche Anwendung mit je 10 µg (Mikrogramm = 0,001 Milligramm) verschrieben (Spritzen). Drucker und seine Kollegen verglichen nun in einer 30-wöchigen, randomisierten Studie, die Wirkung des 2-mal täglichen Spritzens von 10 µg Exenatide mit der eines 1-mal wöchentlichen Spritzens von 2 mg einer langwirksamen Präparation von Exenatide.

Insgesamt wurden 295 Patienten mit Typ 2 Diabetes in die Studie eingeschlossen. Die Patienten wiesen im Durchschnitt einen HbA1c von 8,1 %, einen Nüchtern-Blutzuckerwert von 9 mmol/l, ein Gewicht von 102 kg und einen bekannten Diabetes seit 6,7 Jahren auf. Die bisherige Therapie der Patienten beschränkte sich auf Diät und Sport oder auf eines oder mehrere der oralen Antidiabetika Metformin, Sulfonylharnstoffe oder Glitazone.
Als Endpunkt der Studie wurde der HbA1c der Patienten nach 30 Wochen bewertet.

Die Forscher fanden heraus, dass die Patienten, die 2 mg Exenatide 1-mal wöchentlich erhielten, eine signifikant stärkere Verbesserung ihres HbA1c -Wertes vorwiesen, als solche, bei denen 2-mal täglich 10 µg Exenatide injiziert wurden (p = 0,0023; 95 % KI = -0,54 bis -0,12). Bei 77 % der Patienten, die 1-mal wöchentlich behandelt wurden und „nur“ 65 % der Patienten mit der 2-mal täglichen Gabe von Exenatide konnte nach 30 Wochen ein HbA1c -Wert = 7,0 % (p = 0,0039) gemessen werden.

Noch ist das langwirksame Exenatide nicht auf dem deutschen Markt erhältlich. Bis zur Zulassung der 1-mal wöchentlichen Injektion des langwirksamen Exenatides muss man sich wohl noch etwas gedulden. Jedoch lässt diese Studie auf neue zusätzliche Verbesserung der Typ 2 Diabetes-Therapie hoffen.

Jana Vogler, Online-Redaktion Diabetes-Deutschland.de, Deutsches Diabetes-Zentrum an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung

Quelle: Drucker DJ, Buse JB et al. for the DURATION-1 Study Group.Exenatide once weekly versus twice daily for the treatment of type 2 diabetes: a randomised, open-label, non-inferiority study. Lancet. 2008; Epub ahead of print

 




Expertenkommentar von Prof. Dr. med. W. A. Scherbaum
Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Rheumatologie, Universitätsklinikum Düsseldorf, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Moorenstrasse 5, 40225 Düsseldorf, scherbaum@uni-duesseldorf.de

Die Entwicklung der langwirksamen Form von Exenatide (Exenatide LAR) mit einer einmal wöchentlichen statt einer zweimal täglichen Anwendung kann als ein wesentlicher Fortschritt in der Diabetestherapie bezeichnet werden.

Patienten mit Typ 2 Diabetes, bei denen eine Therapie mit Tabletten nicht mehr ausreicht, um den Blutzucker gut einzustellen, müssen bisher auf Insulin umgestellt werden, mit dem Nachteil, dass es einmal oder mehrmals täglich gespritzt werden muss und oft zu Hypoglykämien (Unterzuckerungen) und zur Gewichtszunahme führt. Eine Alternative ist Exenatide (von der Firma Eli Lilly im Handel unter dem Namen Byetta®), das auch bisher schon verfügbar war. Byetta® verursacht weder vermehrt Unterzuckerungen noch eine Gewichtszunahme, sondern meist sogar eine Gewichtsabnahme; allerdings muss es zweimal täglich gespritzt werden.

Exenatide LAR, die in dieser Studie untersuchte langwirksame Form, erzeugt jedoch auch bei einmal wöchentlicher Verabreichung konstant wirksame Spiegel für die Aktivierung der GLP1-Rezeptoren. Dadurch kommt es nicht nur zu einer Verminderung der Blutzuckerspitzen nach dem Essen (durch eine Verbesserung der durch Glukose induzierten Steigerung der Insulinsekretion, einer Unterdrückung der Ausschüttung von Glukagon, dem Gegenspieler von Insulin und zu einer Verlangsamung der Magenentleerung), sondern die konstante Unterdrückung der Glukagon-Ausschüttung bei Nacht führt auch zu einer Verbesserung der Nüchternblutzuckerspiegel, ohne das Risiko für Hypoglykämien. Ein weiterer Vorteil einer Therapie des Typ 2 Diabetes mit Exenatide LAR gegenüber einer Insulintherapie liegt auch darin, dass bei Exenatide LAR einmal wöchentlich eine gleichbleibende Standarddosis gegeben wird, während bei einer Insulintherapie die Dosis von Insulin an die selbst gemessenen Blutzuckerspiegel angepasst werden muss.

Eine Vereinfachung der Diabetestherapie ist natürlich für die Patienten, die ja in der Regel lebenslang mit ihrem Diabetes zu tun haben, höchst erwünscht. Übelkeit ist eine häufige Nebenwirkung der Therapie mit Exenatide, aber bei nur 5 % der Patienten musste die Therapie wegen dieser Nebenwirkung abgebrochen werden. Bei dem einmal wöchentlichen angewandten Exenatide LAR können auch Reizungen an der Injektionsstelle auftreten, wie wir es von anderen LAR-Präparationen mit den injizierbaren „Microsperes“ kennen. Das ist aber nicht gravierend.
Ob es bei einer Therapie mit Exenatide überhaupt gravierende Nebenwirkungen gibt, kann erst nach einer Beobachtungszeit über viele Jahre sicher beurteilt werden. Für mich erstaunlich ist aber, dass sich solche bisher noch in keiner Weise aufgezeigt haben.

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