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Karpaltunnelsyndrom kann Hinweis auf erhöhtes Diabetesrisiko sein

(02.10.2006) Menschen mit einer Diabeteserkrankung sind häufiger von sogenannten Nerven-Engpass-Syndromen wie dem Karpaltunnelsyndrom betroffen als ihre nicht-diabetischen Altersgenossen – dieses bestätigen Studien aus der Vergangenheit. Eine aktuelle Untersuchung aus Großbritannien hat jetzt gezeigt, dass beide Erkrankungen nicht nur gehäuft miteinander einhergehen, sondern dass ein Karpaltunnelsyndrom auch auf einen bevorstehenden Diabetes bzw. auf ein Diabetes-Vorstadium hinweisen kann.


Typische Symptome des
Karpaltunnelsyndroms sind
Taubheit, Kribbeln oder
Schmerzen der ersten drei
Finger vor allem nachts

Foto: DDZ

Martin C. Gulliford und seine Kollegen vom King’s College in London werteten rückblickend auf einen Zeitraum von 10 Jahren die medizinischen Berichte aus 114 Hausarztpraxen in England und Wales aus. Unter den 644.495 dokumentierten Patienten hatten 2.647 einen neu festgestellten Diabetes (Diagnose des Diabetes zwischen November 2003 und Oktober 2004). Die Befunde der Diabetes-Patienten wurden mit der Krankengeschichte von 5.294 gleichaltrigen Kontrollpatienten ohne Diabeteserkrankung verglichen.

Besonderes Augenmerk richteten die Wissenschaftler auf Nervenstörungen, die während der vergangenen 10 Jahre bei den Patienten dokumentiert wurden. Bei der Analyse der Daten stellten Gulliford und sein Team fest, dass auffällig viele Diabetespatienten in der Vergangenheit wegen eines Karpaltunnelsyndroms bei ihrem Arzt in Behandlung waren. Während der letzten 10 Jahre vor der Diabetes-Diagnose gab es hier 425 Fälle mit Karpaltunnelsyndrom pro 100.000 Personenjahre. In der Vergleichsgruppe ohne Diabetes-Erkrankung war ein Karpaltunnelsyndrom hingegen „nur“ in 260 Fällen pro 100.000 Personenjahre dokumentiert. Nach dem Herausrechnen anderer Risikofaktoren für das Karpaltunnelsyndrom blieb der Zusammenhang zwischen dem Auftreten des Nerven-Engpass-Syndroms und einer späteren Diabeteserkrankung weiterhin statistisch signifikant: Patienten mit einem neu diagnostizierten Diabetes waren in den vorangegangenen 10 Jahren fast 1,4-mal so häufig von einem Karpaltunnelsyndrom betroffen als ihre nicht-diabetischen Altersgenossen (p = 0,039).

Das Karpaltunnelsyndrom ist ein weit verbreitetes Nerven-Engpasssyndrom, dass besonders häufig bei Frauen auftritt. Durch eine Enge im sogenannten Karpaltunnel an der Handinnenseite (Handwurzelknochen und ein bindegewebiges Band bilden eine tunnelartige Röhre) wird Druck auf einen wichtigen Handnerven – den Nervus medianus – ausgeübt. Die Folgen können Taubheit, Kribbeln, Schwäche und/oder Schmerzen in den Händen sein. Die Schmerzen treten vor allem nachts auf.

Einen ähnlichen Zusammenhang wie für das Karpaltunnelsyndrom fanden Gulliford und seine Kollegen auch bei der Bell-Fazialisparese – einer Lähmung des Gesichtsnerven Nervus facialis (typische Zeichen: hängender Mundwinkel, fehlender Lidschluss und Unfähigkeit, die Stirn zu runzeln). Diabetespatienten waren in ihrer (nicht-diabetischen) Vergangenheit fast doppelt so oft von einer Bell’schen Gesichtslähmung betroffen als die nicht-diabetische Vergleichsgruppe. Nach dem Herausrechnen anderer Risikofaktoren wie Geschlecht, Alter und Body Mass Index war dieser Zusammenhang statistisch allerdings nicht mehr signifikant (1,64; p = 0,128).

FAZIT: Die Befunde der Studiengruppe aus Großbritannien stützen die Ergebnisse anderer Untersuchungen, die zeigen, dass Nervenschäden oft bereits in einem sehr frühen Diabetes-Stadium auftreten. So kann auch das relativ verbreitete Karpaltunnelsyndrom ein Hinweis darauf sein, dass ein Prädiabetes (= Diabetes-Vorstadium) vorliegt. Bei Patienten mit Karpaltunnelsyndrom sollten daher auch immer die Risiken für eine Diabeteserkrankung abgeklärt werden.


Dr. med. Anja Lütke, freie Mitarbeiterin der Deutschen Diabetes-Klinik des Deutschen Diabetes-Zentrums an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung

Quelle: Gulliford MC, Latinovic R, Charlton J et al. Increased incidence of carpal tunnel syndrome up to 10 years before diagnosis of diabetes. Diabetes Care 2006; 29: 1929-1930

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