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Typ 2 Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Zunahme der kindlichen Adipositas
In jüngster Zeit wird weltweit mitgeteilt, dass generell eine Zunahme der kindlichen Adipositas (starkes Übergewicht) und der sich daraus ergebenden Konsequenzen beobachtet wird. So hat die Adipositas auch in dieser Altersgruppe zunehmend Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen im Gefolge. Allerdings ist es nicht richtig, wenn behauptet wird, dass es noch vor zehn Jahren einen Typ 2 Diabetes bei Kindern und Jugendlichen nicht gegeben habe, während jetzt in jeder Fachabteilung junge adipöse Patienten mit Typ 2 Diabetes betreut werden.
 
 
Prof. Dr. med.
Hellmut Mehnert,
Studien aus den USA belegen, dass bis zu 30 Prozent aller Diabetespatienten im Alter von zehn bis neunzehn Jahren einen Diabetes mellitus vom Typ 2 haben (1). Hierzu ist anzumerken, dass wir bereits im Jahr 1968 im Zusammenhang mit den Ergebnissen der von uns seinerzeit durchgeführten bisher weltweit größten Diabetes-Früherfassungsaktion in München auf die Problematik von Typ 2 Diabetikern im Kindesalter hingewiesen haben (2). Unsere Ergebnisse fassten wir damals wie folgt zusammen:

„Wegen der Wichtigkeit des Problems sollen abschließend noch einige Bemerkungen zum Diabetes bei Kindern und Jugendlichen gemacht werden. In den jüngsten Altersklassen wurden die wenigsten Diabetiker und die wenigsten Verdachtsfälle festgestellt. Ohnehin ist der Diabetes mellitus bei Kindern und Jugendlichen, verglichen mit dem Altersdiabetes, selten. Weiterhin ergibt sich, dass sich die Verdachtspersonen mit (Ausscheidung von Zucker im Urin (Glukosurie) in den niedrigsten Altersklassen wesentlich seltener als diabetisch erwiesen als in den höheren Altersklassen. Dennoch darf als eines der wichtigsten Ergebnisse dieser Aktion angesehen werden, dass eine relativ beachtlich hohe Zahl von Kindern und Jugendlichen mit bisher unbekannten Diabetes ermittelt werden konnten.

Über 15 Jungen und drei Mädchen bis zum 15. Lebensjahr wurden Unterlagen der Hausärzte zurückgesandt, die einwandfrei die Diagnose eines neu entdeckten Diabetes erwiesen. Bis zum 25. Lebensjahr waren es sogar 39 Diabetiker und 17 Diabetikerinnen. Bei diesen Zahlen muss bedacht werden, dass sie nur die auswertbaren Nachuntersuchten betreffen, in Wahrheit aber hochgerechnet mehr als doppelt so hoch liegen dürften. Selbst wenn man lediglich die mit Sicherheit neu diagnostizierten Fälle berücksichtigt, 18 bis zum 15. Lebensjahr bzw. 56 bis zum 25. Lebensjahr, ergibt sich, dass sie von der Gesamtzahl der Diabetiker in ihren Altersklassen immerhin 8,7 Prozent bzw. 11,6 Prozent ausmachen. Denn die aufgrund der Rückantwort ermittelte Zahl der vor der Aktion bereits bekannten Diabetiker betrug bis zum 15. Lebensjahr 180 und bis zum 25. Lebensjahr 426 männliche und weibliche Personen in München. Für die Richtigkeit der Diagnose bei den neuentdeckten jungen Diabetikern sprechen neben den Untersuchungsbefunden auch folgende Überlegungen: Den Angaben über das Körpergewicht ist zu entnehmen, dass die neuentdeckten Fälle im Vergleich zu den negativen Fällen erheblich übergewichtig sind. Fettsucht prädisponiert aber nicht nur im Erwachsenen- sondern auch im Kindes- und Jugendalter zum Diabetes.“

Mit dieser damaligen Aussage zum Typ 2 Diabetes – man sprach 1968 noch vom Altersdiabetes – wurde im Grunde das vorweg genommen, was Ende der neunziger Jahre als „neuer Befund“ immer wieder festgestellt worden ist: Die Zunahme von übergewichtigen Typ 2 Patienten im jungen Alter. Schon aus diesem Grunde darf man jetzt sagen, dass die Bezeichnung „Altersdiabetes“ also nicht gerechtfertigt ist. Die damals von uns gezogenen Schlussfolgerungen erweisen dies noch einmal eindeutig: „Es zeigt sich demnach, dass der klassische Insulinmangel-Diabetes des Kindes und des Jugendlichen mit dem stürmischen Beginn ohne längeres Vorstadium in einem nicht unbeträchtlichen Prozentsatz eine Ergänzung findet durch kindliche und jugendliche Diabetiker, die hinsichtlich Übergewicht und Diabetes-Typ dem Altersdiabetes ähneln, bisher aber meist der Diagnostik entgingen. Als Folgerung aus diesen Befunden ergibt sich die Forderung auf Einbeziehung auch der jüngsten Altersklasse in die Diabetes-Früherfassungsaktionen.“

Im Grunde ist es nicht verwunderlich, dass bereits im Jahr 1968 dieser scheinbar jetzt so aktuelle „neue“ Befund erhoben wurde. Schließlich waren seit der Währungsreform 1948 und der Umstellung der Ernährung mit der Folge der Überernährung in unserem Lande bereits 20 Jahre bis 1968 vergangen, die durchaus ausreichen, um den Typ 2 Diabetes als Risikofaktor im Kindesalter zu implantieren. Richtig ist aber, dass die Quote der von Kindern und Jugendlichen mit Typ 2 Diabetes erheblich zugenommen hat, was durch die weitere Veränderung der Lebensbedingungen im Sinne der Überernährung und der Bewegungsarmut zu erklären ist. „Fastfood“ ist sicher geeignet im Übermaß Kalorien zuzuführen und damit der kindlichen Adipositas Vorschub zu leisten. Mindestens eben so nachteilig ist der Bewegungsmangel, der durch das Sitzen der Kinder und Jugendlichen vor dem Computer und vor dem Fernsehgerät in ständiger Zunahme begriffen ist. Von Sportvereinen hört man überdies die berechtigte Klage, dass die Zahl der Jugendlichen, die sich für eine Tätigkeit in der Leichtathletik, im Ballspielen, im Schwimmen oder anderen Sportarten anmelden, laufend zurückgeht. Darüber hinaus sind auch die jugendlichen Mitglieder der Vereine offenbar nicht mehr willens, für längere Zeit Leistungssport zu betreiben und entsprechende sportliche Erfolge anzustreben. Dies kann man deutlich erkennen, wenn man sieht, wie etwa bei Leichtathletikmeisterschaften der Anteil der erfolgreichen deutschen Sportler in ständiger Rücknahme begriffen ist.

Dem Typ 2 Diabetes im Kindes- und Jugendlichenalter - basierend auf der Überernährung und dem Bewegungsmangel mit der Folge der Adipositas und der geringen Ausbildung der Muskulatur - kann nur entgegengewirkt werden, wenn frühzeitig, das heißt rechtzeitig im Kindergarten, in der Schule und während des Studiums, immer wieder auf die Bedeutung einer zusätzlichen körperlichen Tätigkeit bei vernünftiger Ernährung hingewiesen wird. Es ist nicht einzusehen, warum im Biologieunterricht in den Schulen dem Sektor „Ernährungslehre“ so wenig Bedeutung beigemessen wird. Rechtzeitig sollten die Kinder erfahren, was ihnen gut tut und was man zweckmäßigerweise vermeidet. Ob dies dann immerzu Konsequenzen durch die Kinder führt, liegt sicherlich nicht allein in den Händen der Lehrer und der Eltern. Unmäßige Propaganda für ungesunde Lebensformen tut ja ein übriges, um die Ermahnungen der Erzieher zu neutralisieren. Wenn auch jetzt zum Beispiel die Tabakwaren wesentlich verteuert werden, so ist immer noch festzustellen, dass es Schulen gibt, in denen offizielle Raucherecken eingerichtet werden und Zigarettenautomaten für jeden Schüler zur Verfügung stehen. Diese Fehlentscheidung sowie das Angebot ungeeigneter Lebensmittel und die Reduzierung des Sportunterrichts zu Gunsten anderer Fächer sind ein Grundübel, das als Folge neben anderen Schäden zur kindlichen und jugendlichen Adipositas und zum Typ 2 Diabetes in diesem Lebensalter führt.


Prof. Dr. Hellmut Mehnert, Geschäftsführender Vorstand der Forschergruppe Diabetes am Institut für Diabetesforschung, Krankenhaus München-Schwabing, Ehrenpräsident der Deutschen Diabetes-Union e.V. Krailling, Mitglied im Fachbeirat von www.diabetes-deutschland.de

Abgeänderte Fassung aus Notabene medici 34 (2004), Heft 4, S. 129 – 130, mit freundlicher Genehmigung der notamed Verlag GmbH Literatur:
(1) Grüters et al MMW Fortschritte der Medizin Nr. 9, 2002, Seite 34ff
(2) H. Mehnert, H. Sewering, W. Reichstein, H. Voigt: Früherfassung von Diabetikern in München, Deutsche Medizinische Wochenschrift 93, 1968, 2044ff

Dieser Beitrag wurde zuletzt im November 2004 aktualisiert
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