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Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

(09.08.2004) Diabetes mellitus ist in immer noch steigendem Maße einer der häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Die Besonderheiten chronischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter und hier insbesondere des Diabetes mellitus haben dazu geführt, dass die Deutsche Diabetes-Gesellschaft im Rahmen ihrer Leitlinien eine pädiatrische Leitlinie „Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Kindes- und Jugendalter“ soeben zur Diskussion stellt.

Typ 1: 25 000 Betroffene bis 19 Jahre


Der Typ 1 Diabetes steht als häufigste Diabetesform in der Pädiatrie im Mittelpunkt der Leitlinie; berücksichtigt werden in der Leitlinie aber auch das wachsende Problem des Typ 2 Diabetes vor allem im Jugendalter sowie weitere Diabetesformen. Nach aktuellen Schätzungen leben in Deutschland 10.000 bis 15.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 14 Jahren mit einem Typ 1 Diabetes; in der Altergruppe von 0 bis 19 Jahren sind etwa 25.000 Kinder und Jugendliche von einem Typ 1 Diabetes betroffen. Nach neuesten Daten von PD Dr. Andreas Neu von der Universität Tübingen steigt die Inzidenzrate jährlich um 3 bis 4 Prozent an; die Inzidenz liegt für die 1990er Jahre bei 12,9 pro 100 000 Kinder im Alter von 0 bis 14 Jahren (Baden-Württemberg). Auch andere Formen des Diabetes mellitus werden im Kindes- und Jugendalter zunehmend häufig beobachtet: Besonders nicht-immunologisch bedingte, molekulargenetisch fixierte Formen des Diabetes sind dabei wohl häufiger als bisher angenommen.

Mehr Typ 2 Diabetes bei Kindern

Ein Anstieg des Typ 2 Diabetes im Jugendalter wird besonders in den USA bei Farbigen und bei Kindern von Einwanderern aus der Karibik und aus lateinamerikanischen Staaten seit Jahren beobachtet, In jüngster Zeit häufen sich auch in der Bundesrepublik Berichte über einzelne Erkrankungen von Jugendlichen mit Typ 2 Diabetes. Nachdem die Adipositas (krankhaftes Übergewicht, Fettleibigkeit) die häufigste chronische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter geworden ist, und insbesondere das Ausmaß von Übergewicht bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen massiv ansteigt, ist mit einer hohen Zahl zusätzlich erkrankter Jugendlicher mit Typ 2 Diabetes auch in Deutschland zu rechnen.
Bei den Therapiezielen stehen bei der medizinischen Betreuung von pädiatrischen Patienten folgende Punkte im Vordergrund:

  1. sollten akute Stoffwechsel-Entgleisungen wie schwere Hypoglykämien (Unterzuckerung), Ketoazidose (Übersäuerung des Blutes) und diabetisches Koma vermieden werden.
  2. sollen diabetesbedingte Folgeerkrankungen in ihrer Häufigkeit und Ausprägung – besonders auch im subklinischen Stadium – reduziert werden; eine normnahe Blutglukose-Einstellung und die frühzeitige Diagnose und Therapie zusätzlicher Risiken wie Bluthochdruck, Hyperlipidämie (hohe Blutfettwerte), Übergewicht und Rauchen sollen angestrebt werden. Eine normale körperliche Entwicklung und eine altersentsprechende Leistungsfähigkeit soll garantiert werden. Dabei sollen im Rahmen einer guten Stoffwechsel-Einstellung ein normales Längenwachstum, normale Gewichtszunahme und normaler Pubertätsbeginn sowie normale Pubertätsfortschritte erzielt werden. Schließlich soll die psychosoziale Entwicklung der Patienten durch den Diabetes, dessen Therapie und seiner Folgeerkrankungen möglichst wenig beeinträchtigt werden.
Behandlung: Die ganze Familie wird einbezogen

Im Rahmen multidisziplinärer Behandlungskonzepte soll die gesamte Familie in den Behandlungsprozess eingeschlossen werden und insbesondere die betroffenen Kinder und Jugendlichen zur Eigenverantwortung und Selbstbehandlung herangeführt werden. Die Insulinsubstitution im Rahmen der Behandlung des Typ 1 Diabetes sowie die Mahlzeiten sollen flexibel auf den Tagesablauf der Patienten abgestimmt werden.

Intensiv- und Pumpentherapie: Vorteile für Kinder und Jugendliche

Es ist wichtig, die Aspekte einer kontinuierlichen Behandlung des Diabetes mellitus Typ 1 zu betonen: Eine intensivierte Insulintherapie kann mittels subkutaner Insulininfusionstherapie (Insulinpumpen-Therapie) und besonders auch im Rahmen der Therapie mit multiplen Injektionen mit Spritzen oder Pen-Injektionshilfen (intensivierte Insulintherapie) durchgeführt werden. Der Wissenschaftliche Nachweis („Evidenz“) für die große Bedeutung einer intensivierten Insulintherapie auf die Langzeit-Stoffwechselkontrolle stammt aus der DCCT-Studie und ist auch im Kindesalter bereits gut dokumentiert. Ernährungsempfehlungen für Kinder und Jugendliche mit Typ 1 Diabetes unterscheiden sich nicht von den Ernährungsempfehlungen für die entsprechenden Altersgruppen insgesamt. Innerhalb der Diabetesschulung hat dennoch die Ernährungsberatung ihren Platz: Therapiekonzepte, die Ernährungsempfehlungen beinhalten, können zu einer verbesserten Stoffwechselkontrolle beitragen. Grundsätzlich ist eine adäquate, qualitätskontrollierte und altersbezogene Schulung der betroffenen Kinder und Jugendlichen grundlegender Bestandteil jeder Diabetestherapie. Effektivität und Evidenz der Schulungsmaßnahmen sind gesichert.

Kinder: fähig machen zur Selbsttherapie

Wie bereits ausgeführt, verfolgt die moderne Diabetesschulung das Ziel, die Selbstmanagement-Fähigkeiten der betroffenen Kinder und Jugendlichen sowie ihrer Familien zu fördern. Strukturierte Schulungsprogramme liegen im deutschsprachigen Raum vor und sollen im Rahmen eines echten Qualitätsmanagements von Diabeteseinrichtungen angewandt werden. Die Arbeitsgemeinschaft „Pädiatrische Diabetologie“ hat strukturelle Anforderungen an diabetologisch spezialisierte pädiatrische Einrichtungen herausgegeben. Dabei werden multidisziplinäre Teams gefordert, bestehend aus Kinderärzten, Diabetesberatern, Psychologen, Kinderkrankenschwestern, Ernährungsfachkräften sowie Sozialarbeitern und Schreibkräften.

Im Rahmen von Qualitätssicherheitsmaßnahmen werden in Deutschland eine hohe Behandlungsqualität und eine damit verbundene Ergebnisqualität der Betreuungskonzepte erzielt. Ein nahezu flächendeckendes Qualitätssicherungsinstrument ist das DPV-Programm (Diabetes Patienten Verlaufsdokumentation), das innerhalb der Arbeitsgemeinschaft „Pädiatrische Diabetologie“ flächendeckend zur Anwendung gekommen ist.

Der Diabetes mellitus ist im Kindes- und Jugendalter eine der häufigsten chronischen Erkrankungen. Obwohl gerade auch die im Kindesalter häufige Diabetesform, der Typ 1 Diabetes, heute noch immer nicht heilbar ist, lässt sich die Erkrankung gerade auch im jungen Alter im Rahmen von multidisziplinären Therapiekonzepten gut behandeln. Vorrangige Therapieziele sind die Vermeidung akuter Komplikationen und Folgeerkrankungen sowie die Vermeidung psychosozialer Folgen der chronischen Erkrankung. Mit dem Diabetes assoziierte Erkrankungen wie Schilddrüsenerkrankungen und die Zöliakie müssen frühzeitig erkannt werden. Die Zunahme von Typ 1 Erkrankungen sowie die kontinuierliche Zunahme anderer Diabetesformen, besonders des Typ 2 Diabetes, führt dazu, dass Diabetes mellitus im Kindes- und Jugendalter auch in der Öffentlichkeit und im Rahmen von Struktur-Überlegungen im Gesundheitssystem eine erhöhte Aufmerksamkeit zuteil wird.


Prof. Dr. med. Wieland Kiess, Leipzig, Präsident der Deutschen Diabetes-Gesellschaft zur 39. Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) im Mai 2004 in Hannover

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