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Diabetes mellitus und Übergewicht - Häufigkeit des Kinder-Diabetes verdoppelt

(23.06.2004) In den letzten 10 Jahren hat sich das Auftreten des Typ 1 Diabetes in Deutschland von 7 pro 100.000 Kinder von 0 bis 14 Jahren auf 14 pro 100.000 verdoppelt, was etwa einer Häufigkeit von einem Kind unter 600 entspricht. Aktuell sind über 20.000 Kinder bis zum 19. Lebensjahr von dieser häufigsten pädiatrischen Stoffwechselerkrankung in Deutschland betroffen.

Torte
Foto: AOK-Bundesverband
Für die Familie und das Kind ist die Diagnose dieser bislang unheilbaren Erkrankung immer ein Schock. In 9 von 10 Familien ist die Erkrankung bei anderen Familienmitgliedern nie vorher aufgetreten. Der Typ 1 Diabetes ist eine Autoimmunkrankheit, bei der es zu einer Selbstzerstörung der insulinproduzierenden Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse kommt. Die genauen Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt. Dieses liegt zum Teil daran, dass die Krankheit häufig schon lange vor Auftreten der Symptome ohne Beschwerden beginnt und durch übliche Laborbestimmungen nicht erkannt werden kann. Erst wenn weniger als 15% der Beta-Zellen noch funktionieren, treten die typischen Symptome wie vermehrter Durst, häufiges Wasserlassen, Gewichtsabnahme und Leistungsschwäche auf.

Dabei ist die Erkrankung ein multifaktorielles Geschehen, bei dem es zu einem Zusammentreffen von örtlichen Faktoren (in Finnland gibt es Typ 1 Diabetes am häufigsten, in Japan ist die Erkrankung sehr selten), bestimmten Viruserkrankungen, noch ungeklärten Ernährungsfaktoren (Süßigkeiten spielen keine Rolle!) und einer gewissen vererbten Empfänglichkeit kommt. Eltern und Kinder trifft an dem Auftreten der Erkrankung keine Schuld, sie ist auch nicht ansteckend.

Individualisierte Behandlung erforderlich

Auch im Kindes- und Jugendalter werden vermehrt neue Bewertungsverfahren (Einsatz von schnell- und langsamwirksamen Kunstinsulinen (sog. Insulinanaloga) oder Pumpentherapie) angewandt, andere, wie Insulin zum Einatmen, befinden sich in der klinischen Prüfung.

Dabei machen die Besonderheiten des Kindes- und Jugendalters, wie Einflüsse des Wachstums, der hormonellen Veränderungen, der Unvorhersehbarkeit von Aktivität und Nahrungsaufnahme besonders bei Kleinkindern, usw. eine sehr individualisierte Behandlung erforderlich. Daher erfolgt die Betreuung von Anfang an durch ein Team, in dem neben den Ärzten und Krankenschwestern auch Ernährungsberaterinnen, Psychologen und Sozialarbeiter mitwirken. Einer besonderen Bedeutung kommt dabei den Diabetesberaterinnen zu.

Dieses ist eine neues Berufsbild, wo auf der Basis einer Ausbildung als Ernährungsberaterin oder Krankenschwester in einer praktischen und theoretischen Schulung medizinische, psychologische und pädagogische Kenntnisse erlernt werden, um Patienten und ihren Familien den bestmöglichen Umgang mit ihrer Erkrankung zu vermitteln. [...] Gegenwärtig sind in Deutschland 22 Einrichtungen von der Deutschen Diabetes Gesellschaft als Behandlungs- und Schulungszentrum für Kinder und Jugendliche mit Typ 1 Diabetes anerkannt. [....]

Gute Diabetes-Behandlung von Kindern zahlt sich aus

Nach den Ergebnissen einer kürzlich veröffentlichten internationalen Kinderdiabetes-Studie ist eine gute langfristige Blutzuckereinstellung neben dem bekannt niedrigeren Risiko für spätere Diabetes-Folgen wie Blindheit, Nierenversagen oder frühzeitigen Herzinfarkt auch mit einer besseren Lebensqualität assoziiert. Durch die neuen Behandlungsmöglichkeiten hat sich die Langzeitprognose in den letzten Jahren deutlich gebessert.

Dies belegte unter anderem eine Langzeitstudie über mehr als 30 Jahre bei schwedischen Kindern. Weil behandelnder Kinderarzt und Internist Schulfreunde waren, gelang eine Nachverfolgung der Kinder über mehrere Jahrzehnte. Dabei zeigte sich, dass die Rate der gefürchteten Nephropathie (Nierenerkrankung) von 30 bis 40% der Patienten auf unter 10% gesenkt werden konnte. Solche Ergebnisse motivieren kinderdiabetologische Teams überall, um gemeinsam mit den Kindern und ihren Familien individuelle Wege zur bestmöglichen Diabetes-Behandlung zu finden, so lange eine „Heilung“ der Erkrankung noch nicht möglich ist.

Kann der Entwicklungsprozess des Typ 1 Diabetes durch eine kuhmilcheiweißfreie Ernährung in den ersten Lebensmonaten herausgezögert oder sogar verhindert werden?

Seit vielen Jahren werden unterschiedliche Umweltfaktoren als Auslöser des Typ 1 Diabetes diskutiert. Inwieweit Kuhmilcheiweiß für den Entstehungsprozess dieser auch bei Kindern immer häufiger auftretenden Krankheit eine Bedeutung hat, wird in der internationalen TRIGR- Studie (Studie zur Verringerung des insulinpflichtigen Diabetes mellitus bei Neugeborenen mit hohem genetischen Risiko) untersucht. So wird bei Neugeborenen, deren Vater, Mutter oder Geschwisterkind an einem Typ 1 Diabetes erkrankt sind, mittels Test aus dem Nabelschnurblut das Vorhandensein eines genetischen Diabetes-Risikos geprüft. Ist dieses Risiko vorhanden, können sie an der Studie teilnehmen und erhalten kostenlos, sobald nicht mehr ausschließlich gestillt werden kann, nach einem Zufallsprinzip entweder eine kuhmilcheiweißfreie oder reduziert kuhmilchhaltige Säuglingsmilchnahrung für die ersten 6 bis 8 Lebensmonate.

Im weiteren Verlauf finden Befragungen zur Ernährung, ärztliche Untersuchungen sowie Blutentnahmen zur Bestimmung der diabetesspezifischen Antikörper statt. Für Deutschland konnten das Kinderkrankenhauses auf der Bult in Hannover und die Berliner Charite bisher über 100 Familien als Teilnehmer gewinnen Damit weltweit 2000 Neugeborene in die Studie eingeschlossen werden können, würden wir uns über weitere Interessenten sehr freuen. Erste Auskünfte sind im Internet unter www.trigr.de zu finden und ausführlichere Informationen unter den Telefonnummern: 0511 / 8115-348 oder 0160 / 95752625.

Übergewicht und Typ 2 Diabetes als Gesundheitsproblem in Deutschland

Bereits heute sind etwa 8 % der deutschen Bevölkerung an Diabetes erkrankt, davon wissen etwa 1,8 Millionen Menschen nichts von ihrer Erkrankung und den damit verbundenen Risiken. Die Kosten, die im Gesundheitswesen für den Diabetes und seine Behandlung aufgebracht werden müssen, belaufen sich nach AOK-Daten bereits heute auf 23,5 Mrd. Euro im Jahr. Die gesundheitlichen und gesundheitspolitischen Folgen der im „Metabolischen Syndrom“ zusammengefassten Stoffwechselveränderungen werden daher für alle Altersgruppen vom Neugeborenen bis ins hohe Alter die kommenden Jahre prägen. Wenn nicht deutliche Fortschritte in der Prävention und Therapie des metabolischen Syndroms gemacht werden, so steht zu befürchten, dass die jüngere Generation wegen ihrer Lebensgewohnheiten nicht mehr so alt werden kann wie ihre Eltern.

Steigende Zahl an übergewichtigen Kindern führt zu „Altersdiabetes“ in jungen Jahren

Durch ein verändertes Ernährungs- und Bewegungsverhalten werden weltweit immer mehr Kinder und Jugendliche übergewichtig. Man geht davon aus, dass bereits rund 22 Millionen Kinder unter fünf Jahren an Übergewicht leiden. In den USA hat sich diese Zahl in den letzten drei Jahrzehnten mehr als verdoppelt. In Deutschland ist jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche übergewichtig. Vier bis acht Prozent aller Schulkinder sind sogar adipös [Anm.d.Red.: stark übergewichtig]. Außerdem ist zu beobachten, dass bei diesen Kindern das Ausmaß der Adipositas und damit die Anzahl extrem adipöser Kinder deutlich ansteigt. Neben der damit verbunden psychischen Belastung beobachtet man bei Kindern mit Adipositas eine Reihe von Folgeerkrankungen, die früher erst im Erwachsenenalter auftraten. So findet hier zum Beispiel Schäden an den Gelenken und der Wirbelsäule, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen sowie erhöhte Harnsäurewerte. Außerdem ist die steigende Zahl adipöser Kinder mit einem Auftreten von Diabetes mellitus Typ 2 („Altersdiabetes“) verbunden, der bislang nur bei erwachsenen Menschen mit Übergewicht gesehen wurde.

Unentdeckter Diabetes mellitus bei übergewichtigen Jugendlichen in U.S.A.

Die Zahl der Diabetes Typ 2 Neuerkrankungen ist bei amerikanischen Kindern in den letzten 10 Jahren erheblich gestiegen. In einer aufsehenerregenden Studie, die im letzten Jahr in der renommierten Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine “ veröffentlicht wurde, wurde ein Zuckerbelastungstest bei 167 übergewichtigen Kindern und Jugendlichen ohne bekannte Zuckerstoffwechselstörung durchgeführt. Ohne das Eltern oder Kinder es bemerkt hatten, bestand bereits bei 4 % der Jugendlichen ein Typ 2 Diabetes. Außerdem wiesen in dieser Studie in der Gruppe der 4-10 Jährigen bereits 25% und in der Gruppe der 11-18 Jährigen 21% eine gestörte Glukosetoleranz als Vorstufe zum Diabetes auf.

Typ 2 Diabetes bei Kindern – auch in Deutschland ein Problem ?

Zeitversetzt mit den Erfahrungen aus USA ist auch bei uns mit einem weiteren Anstieg der Zahl von Kindern mit Typ 2 Diabetes zur rechnen. Eine deutsche Untersuchung mit 520 adipösen Kindern und Jugendlichen mit einem Body-Mass-Index (BMI) über der 97. Perzentile bestätigte die amerikanischen Ergebnisse und zeigte bei mehr als einem Drittel ein metabolisches Syndrom. Bei knapp 7% lag eine Störung des Glukosestoffwechsels vor und man fand bei 1,6% einen manifesten Typ 2 Diabetes.

Ursache für das Entstehen von Übergewicht und Fettsucht ist ein Ungleichgewicht zwischen Energieaufnahme und –verbrauch zugunsten der Aufnahme. Wird ein Jahr täglich 2% Energie zuviel zugeführt, so bedeutet dieses einen Anbau von 2,5 kg Fettgewebe im Jahr. Diese 2% entsprechen bei einem 8 jährigen Kind etwa 1-2 Stücken Schokolade täglich über den Bedarf hinaus gegessen. Erste Berechnungen gehen von gegenwärtig 210 Neuerkrankungen von Kindern mit Typ 2 Diabetes pro Jahr in Deutschland aus.


Professor Dr. med. Thomas Danne, Kongresspräsident der 39. Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) vom 19.-22. Mai 2004 in Hannover

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