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Inselzelltransplantation: Erste erfolgreiche Lebendspende gelungen

(20.05.2005) Erstmals in der Geschichte der Diabetesforschung konnten Inselzellen von einer Lebendspenderin erfolgreich transplantiert werden. Die Operation wurde am 19. Januar dieses Jahres im Universitätskrankenhaus in Kyoto, Japan, durchgeführt. Dabei ließ sich eine 56-jährige Mutter einen Teil ihrer Bauchspeicheldrüse mit insulinproduzierenden Inselzellen entfernen.

Funktionsfähige Insellzelle
Abb.: Insel der Bauchspei-
cheldrüse mit insulinproduzie-
renden Betazellen

Das Transplantat erhielt ihre 27-jährige Tochter, die seit 12 Jahren an einem Typ 1 Diabetes litt. Die Empfängerin hatte als Vierjährige eine chronische Bauchspeichel- drüsenentzündung entwickelt und war im Alter von 15 Jahren an einem insulinpflichtigen Typ 1 Diabetes erkrankt. Vor der Operation spritzte die 27-jährige Frau durchschnittlich 28 IE Insulin pro Tag. Die Blutzuckereinstellung ließ sich allerdings nur schwer in den Griff bekommen: Besonders problematisch waren häufig auftretende Unterzuckerung

Die Entnahme von Bauchspeicheldrüsengewebe birgt für den Spender ein nicht unerhebliches gesundheitliches Risiko. Für die Operation musste die Mutter daher normalgewichtig sein (Body Mass Index kleiner als 25 kg/m2) und durfte im Zuckerbelastungstest keine erhöhten Glukose- oder Insulinwerte aufweisen.

Der Eingriff verlief laut Aussagen der japanischen Forscher für die 56-jährige Frau und ihre Tochter komplikationslos. Nach Entnahme des Transplantats wurden die Spenderzellen bei der Empfängerin über einen Katheter in das Venensystem der Leber eingebracht. Die Inselzellen wandern in die Leber, wachsen hier an und stellen Insulin her. Dort erfüllen sie dann fast die gleiche Aufgabe wie ursprünglich in der Bauchspeicheldrüse.

In dem vorliegenden Fall konnte die Insulindosis nach der Lebendspende von Inselzellen immer weiter reduziert werden, bis die 27-jährige Patientin nach 22 Tagen schließlich überhaupt keine Insulinspritze mehr benötigte. Mittlerweile ist die 27-jährige Frau seit mehr als 2 Monaten insulinunabhängig.

Aus der Vergangenheit sind bereits zwei Versuche einer Inselzelltransplantation von lebenden Spendern bekannt. Beide Versuche – durchgeführt an der Universität in Minnesota, USA – schlugen jedoch fehl. Bisher werden für die Inselzelltransplantation Spenderzellen aus der Bauchspeicheldrüse von Verstorbenen eingesetzt.

Die Ergebnisse der japanischen Forscher aus Kyoto sind in jedem Fall ermutigend. Allerdings sind bei der Bewertung auch folgende Punkte zu berücksichtigen:

  • Während den meisten Typ 1 Diabeteserkrankungen Autoimmunprozesse zugrunde liegen (= es werden Abwehrstoffe gegen körpereigenes Gewebe wie z. B. die Bauchspeicheldrüse gebildet), war in diesem Fall vermutlich eine chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung der Auslöser für die Diabeteserkrankung. Es ist naheliegend, dass das transplantierte Gewebe hier bessere „Überlebenschancen“ hat, da keine diabetesspezifischen Abwehrstoffe gegen Inselzellen gebildet werden.

  • Ein Problem bei der Transplantation von Organen und Geweben ist nach wie vor die Gabe von Medikamenten gegen die natürliche Abstoßungsreaktion des Körpers (= Immunsuppression). Die Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken und so die Abstoßung des fremden Gewebes verhindern, müssen in der Regel lebenslang eingenommen werden. Mögliche schwere Nebenwirkungen bei Einnahme solcher Immunsuppressiva über mehrere Jahrzehnte können derzeit jedoch nicht ausgeschlossen werden. Ein Vorteil der Lebendspende (insbesondere wenn das Gewebe von nahen Verwandten stammt) könnte in einer geringer ausgeprägten Abstoßungsreaktion – und damit auch in einer möglichen Reduzierung immunsuppressiver Medikamente – liegen.


Das Verfahren der Inselzelltransplantation aus den Organen verstorbener Spender wird mittlerweile mit zunehmendem Erfolg angewandt. Allerdings ist die Methode durch Mangel an geeigneten Spenderorganen generell limitiert. Der erste erfolgreiche Versuch einer Lebendspende von Inselzellen ist auf jeden Fall ein großer Fortschritt. Die Ergebnisse der japanischen Forschergruppe zeigen außerdem, dass Inselzellen von lebenden Spendern auch besser funktionieren als bei einer Transplantation aus Organen verstorbener Personen. Allerdings muss hier das gesundheitliche Risiko für den Transplantatgeber mit berücksichtigt werden. Ob die Lebendspende auch langfristig Erfolg zeigt – das heißt, wie lange der Transplantatempfänger zum Beispiel insulinunabhängig bleibt – müssen weitere Untersuchungen klären.


Dr. med. Anja Lütke, freie Mitarbeiterin der Deutschen Diabetes-Klinik des Deutschen Diabetes-Zentrum an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung

Quelle:
Matsumoto S, Okitsu T, Iwanaga Y et al.: Insulin independence after living-donor distal pancreatectomy and islet allotransplantation. The Lancet 2005; 365: 10.1016/S0140-6736(05)66383-0 (Early Online Publication, 19. April 2005)

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